Einzelnen Beitrag anzeigen
  #5 (permalink)  
Alt 29.09.2004, 21:54
Benutzerbild von toscho
toscho toscho ist offline
Perplexifikator
XHTMLforum-Kenner
 
Registriert seit: 22.05.2004
Ort: Halle/Saale
Beiträge: 1.566
toscho sorgt für eine eindrucksvolle Atmosphäretoscho sorgt für eine eindrucksvolle Atmosphäre
Standard

Die eigentliche Frage lautet doch nicht: »Darf der Leser unter diesen oder jenen Bedingungen ein Userstylesheet einsetzen?«, sondern: »Was passiert mit meinem Layout, wenn er es tut?« Denn daß er es tut, steht ihm frei und kann vom Autor nicht verhindert werden. Wer HTML und CSS benutzt, nimmt dies ausdrücklich in Kauf — die Kaskadenregeln in CSS sind klar und in HTML war von Anfang an die Überwindung der Produzenten-Rezipienten-Grenze mitgedacht.

Als Autor muß man sich fragen: Was bedeutet diese Möglichkeit für meine Arbeit? Wie gehe ich damit um? Hier gibt es zwei Wege, einen billigen und einen teuren. Ich nenne sie mal »Türen öffnen« und »Mauern«.

Mauern: Kein Userstylesheet kann alle möglichen »Fehler« des Autors ausbügeln, jedenfalls nicht per se (darauf komme ich gleich noch). Das kann man ausnutzen und das Markup so schreiben, daß man den meisten Regeln im Userstylesheet ausweicht: <span onklick=""> statt <a href="">, überhaupt alles in <div> oder <span> packen, was nur geht (und es geht vieles!). Den Rest steckt man in Bilder.
Dieser Weg ist teuer, weil er dahin führt, daß:
  • • der Code schlecht zu warten ist,
    • Suchmaschinen die Seiten kaum indizieren und wenn, dann nur schlecht bewerten und
    • Leser mit Userstylesheets und sehr wahrscheinlich auch viele andere einfach wegbleiben.
Türen öffnen: Was immer in einem Userstylesheet steht: Es sind Sachen, die für den Leser besser so funktionieren als ich sie hätte entwerfen können. Wenn nicht, liegt das außerhalb meiner Reichweite und damit auch außerhalb meiner Verantwortung. Ich kann dem Leser hierbei auf zweierlei Art entgegen kommen: Durch Verzicht und durch eine Einladung zum Mitgestalten.
Verzicht: Es gibt »Klassiker« in Userstylesheets, die praktisch immer vorkommen:
  • •Spezielle Farben für Vorder- und Hintergrund — hieraus folgt nicht, daß ich auf Farbangaben verzichten soll, sondern daß ich immer Vorder- und Hintergrundfarbwerte zusammen angebe und darauf achte, daß teiltransparente Bilder bei einem anderen Hintergrund noch ihre Aussage transportieren.
    •Schriftgrößen — die ändere ich grundsätzlich nie, jedenfalls nicht für den Lauftext. Ich garantiere nur, daß sie vernünftig skalieren können.
    •Formulare — Einer der häufigsten Fehler neben der Schriftgröße: Rahmen und Farben von Formular-Elementen sollten möglichst nie geändert werden, weil sie sonst eventuell nicht mehr als solche erkannt werden.
    Der IE Win braucht allerdings eine relative Schriftgrößenangabe für Eingabefelder, um diese mitzuskalieren; hier bin ich mir noch nicht sicher, ob das wirklich 1em sein soll.
    <input type="image"> aber halte ich für einen Designfehler. Das hätte nie erfunden werden sollen.
    •Weitere Inspirationen für überflüssige Leserquälereien (etwa »table-layout:fixed«) finden sich vielleicht in meinem Default-Userstylesheet, ebenso ein Weg, <input type="image"> in einen normalen Button zu verwandeln.
Wenn man also auf bestimmte Gestaltungsformen verzichtet, braucht man sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob sie lesbar ankommen oder überschrieben werden. Man spricht hierbei auch vom »Zen des Designs«.

Einladung zum Mitgestalten: Jede Webseite sollte eine CSS-Signatur haben. Das ist ein eindeutiger Bezeichner im Markup, der spezielle Userstylesheets nur für diese Seite erlaubt.
Beispiel: Hier könnte das Startag des Elementes <html> so aussehen: <html id="xhtmlforum-de" ...>. Dann könnten Userstylesheets für dieses Forum gezielt mit dieser ID als Selektor arbeiten (statt wie bisher mit »body>div.bodyline«).
Damit gewinnt man als Autor zweierlei: Die Wahrscheinlichkeit sinkt, daß ein Userstylesheet das Layout »kaputtmacht«, und man erreicht eine engere Leserbindung: Wer einmal Zeit und Mühe in ein spezifisches Userstylesheet investiert hat, kommt wieder. Wie weit so etwas gehen kann, demonstrieren beispielsweise meine Stylesheets für GMX und Heise.
Einfachere Angebote sind Styleswitcher oder Konfigurationsmasken, bei denen der Leser sich bestimmte Dinge im Cookie speichern kann.
Allerdings darf man diese Einladungen niemals als Ausrede für Ice-Design oder den völligen Verzicht auf Gestaltung benutzen! Viele Leser werden weder den Switcher finden, noch sich ein Userstylesheet basteln können. Daraus folgt nicht, daß sie sich gerne bevormunden lassen oder daß das minimale Browserstylesheet eine jedem Inhalt angemessene Gestaltung liefert.

So, genug geschwafelt. :)

Gruß
Thomas
__________________
toscho.de
Mit Zitat antworten